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Freiwilligenarbeit Mongolei - Tobias

 

Meine Zeit in der Mongolei

Nachts um 11 in Ulaanbaatar angekommen, wurde ich sofort von zwei freundlichen Typen der mongolischen Partnerorganisation von Auszeit-weltweit begrüßt und in Empfang genommen, die sich als Sete und Bayan vorstellten. Erst einmal eine Erleichterung – es gibt doch auch hier Menschen, die fließend Englisch sprechen, auch mit der Organisation im Vorfeld über Auszeit-Weltweit hat alles reibungslos funktioniert.

Auch danach gab es nie Probleme mit der Partnerorganisation vor Ort. Weil deren Büro nur 15 Minuten von meinem Arbeitsplatz entfernt war, konnte ich auch schon mal hingehen, wenn es dringendes zu besprechen gab. Sehr nett war, dass Sete extra für mich seine Arbeit kurzfristig niederlegte, um einmal zwecks Visabeantragung mit mir nach China zu fahren. Hätte nämlich anders aussehen können- ich wohne nämlich nicht in Deutschland, sondern seit über 10 Jahren in Japan. Aber alles doch kein Problem mit Auszeit!

Danach also erst einmal zur Gastfamilie, und dann vor dem wirklichen Begrüßen auch schon ab ins Bett. Gut wenigstens, dass meine älteren beiden Gastbrüder einigermaßen Englisch verstanden. Das hat sich im Laufe der 6 Monate natürlich stark verbessert.

Am nächsten Morgen stand Sete wieder vor der Tür. Mit ihm, Sabrina, einer anderen Deutschen, die zu meinem großen Glück, schon zwei Wochen früher eingetroffen war und an der gleichen Schule arbeitete. Ich würde mich bei Fragen also folglich an sie wenden, weil Sete auch mit anderen Freiwilligen aus anderen Ländern in anderen Projekten immer alle Hände voll zu tun hatte.

Es ging im Auto zu meinem künftigen Arbeitsplatz. Wer sich die Mongolei nur als ewige grüne Hügellandschaft mit vereinzelten Pferden und Zelten vorgestellt hatte, dürfte (wie ich selber) hier wohl erstmal erstaunt dreingeschaut haben: Auf den gut geteerten Straßen, allesamt mehrspurig, stauen sich Gebrauchtwagen und Busse auf dem Weg in die Innenstadt mit ihren – wenn auch wenigen – hochmodernen Wolkenkratzern.

20 Minuten später standen wir dann auch schon da: Eine alte, zweistöckige Zweckbaut, wovon die Schule nur das hintere untere Viertel einnahm. Der Rest verteilte sich auf irgendwelche Büros. (Ich muss gestehen, dass ich bei meiner ersten Ankunft nur dachte: „Das?“) Was man dem Gebäude aber nicht ansah, war, dass sich dennoch alle nötige Technik darin vorfand.

Der nächste Tag war auch schon mein erster Arbeitstag, in den ich mehr oder weniger hineinkatapultiert wurde: Ich kam morgens an, bekam meinen Stundenplan in die Hand gedrückt, und wurde gleich in die 11. Klasse geschickt.

Bei den -bei allem Respekt- vielen und auch chaotischen Stundenplanänderungen lief es ziemlich ähnlich. Für mongolische Verhältnisse vielleicht eine gute Schule, gab es für deutsche Standards doch ein paar Dinge zu bemängeln; so war der Lehrplan der Klassen 2-7 identisch und stützte sich komplett auf ein Schulbuch, das kaum vorhanden war. Fragte ich Sabrina danach, erwiderte sie überrascht: “Ach, es gibt einen Lehrplan?“ Hieß also: Wir würden unsere Materialien selber her- und zusammenstellen müssen. Aber das Internet ist ja immer für einen da. Mein Stundenplan sah jeden Tag 3-5 Stunden Unterricht a 40 Minuten vor. Bis Sabrina ging, unterrichtete ich die Klassen 4, 5, 8, 10 und 11, letztere allerdings gemeinsam mit Sabrina. Danach hatte ich alle Klassen. Zum Glück trotzdem bei gleicher Stundenanzahl.

Bei Fragen und Problemen konnten wir uns immer an unsere mongolischen Kollegen (es gab zwei Lehrerinnen, die Englisch sprachen) wenden. Wenn sie einmal alleine keine gute Antwort hatten, setzten sich sofort zwei andere Kollegen dazu, um für uns eine gute Lösung zu finden. Diese gleichen Lehrer waren allerdings streng den Schülern gegenüber; So ist es keine Seltenheit, dass ein Schüler am Ohr zu seinem Platz zurückgezogen wird oder auch mal per Heftschlag auf den Kopf zur Ruhe gemahnt wird.

So vergeht der Alltag; und plötzlich kommt ein alter Kollege spontan zu Besuch. Sofort werden sämtliche Lehrer in die Kafeteria zusammengetrommelt, und ein kleines, zuweilen auch leicht feuchtfröhliches Fest beginnt – wohlgemerkt, auch während eines Unterrichts, wo man förmlich rausgezerrt wird und eigentlich strengem Alkoholverbot. Die Schüler in der Zeit? Keine Ahnung.

Am Wochenende holte Sete uns manchmal ab, um zusammen mit anderen Freiwilligen in die Umgebung zu fahren. Schön war vor allem das Manzushir-kloster und der Terelj-Nationalpark.
 Leider hörte das nach ein paar Wochen auf, weil ich im mongolischen Winter eben, ja, fast der einzige Freiwillige war.

Die anderen Freiwilligen blieben in der Regel zwei Monate, bei mir gestaltete sich jedoch ein „Problem“: Nach zwei Monaten fuhr ich also mit Sete zum ersten Mal mit der Eisenbahn kurz über die Grenze nach China, um ein Visum für die Mongolei zu beantragen; 14 Stunden in einem der alten, grünen Sozialismus-waggons sind auch eine interessante Abwechslung gegenüber einer Stunde Flug. Die anderen beiden Male begleitete mich freundlicherweise mein Gastbruder, der auch, wie Sete, sich extra dafür beurlauben ließ.
Am gleichen Nachmittag konnte ich meinen Pass wieder abholen, und zwei Stunden später ging es mit der Bahn auch wieder zurück nach Ulaanbaatar.

Probleme mit meiner 9-köpfigen Gastfamilie zum Beispiel gab es eigentlich nie, außer ein paar Tritte ins Fettnäpfchen zum Beispiel am traditionellen Neujahr (das, wie viele buddhistische Länder, Anfang Februar gefeiert wird).

Ich habe mich einmal zum Beispiel dreist auf den Platz des Familienoberhauptes gesetzt, oder bei einem anderen Mal auf die wohl leider leicht undurchdachte Aufforderung „Bedien dich!“ gerade von dem Teller genommen, von dem aber als erstes der Familienvater das Recht hat, zu nehmen. Das gab eben ein paar Sekunden peinliches Schweigen allseits, aber man sah es mir freundlich nach und mein Gastbruder klärte mich sofort auf. Auch sonst wurde ich gut behandelt, man nahm mich ins Kino mit, und an Neujahr auch zu Oma in den Norden des Landes, eben wo diese „Unfälle“ passierten.

Mein Gastbruder zahlte oft alles, wenn wir essen gingen oder ein Bier trinken wollten, obwohl er selber nicht besonders gut verdient. Trotzdem war ich, vor allem an Wochenenden, oft unbeschäftigt und allein, fast einsam. Aber damit will ich mich nicht beklagen, denn natürlich hat der Rest der Familie ja auch außer mir viel zu tun. Nur als ich den Gastbruder nach einigen mongolischen Wörtern oder Grammatik gefragt habe, habe ich meistens nur eine halbe Antwort bekommen, oft auch gar keine; Vom Gesichtsausdruck des Anderen konnte man schon förmlich ablesen: „Mongolisch ist so schwierig, warum willst du das lernen?“
Wahrscheinlich mein Fehler, meinen Gastbruder gerade beim CounterStrikespielen zu fragen.

Bei allen Problemen, die man aus der Presse und sonst über das Land hört, habe ich meine Zeit in der Mongolei wahnsinng genossen.
Das Image der „wilden“ Mongolei mag wohl auch zutreffen, aber in Ulaanbaatar sowie in den anderen Städten besitzen die Leute Smartphones und Autos, hören Hip-Hop, kennen ihrerseits Europa aus dem Fernsehen und möchten sich das gerne einmal ansehen. 
Es heißt im Reiseführer, die Mongolei habe traditionsbewusste, auf ihr Land stolze Menschen, bei denen Bildung einen hohen Stellenwert hat, das Alter und die Familie geachtet wird und man vorsichtig sein muss, weil Taschendiebstahl im Bus ein verbreitetes Problem ist. Manchmal laufen Betrunkene umher, die vielleicht auf Streit aus sind, und manch einer hat, aus welchen Gründen auch immer, etwas gegen Ausländer.

Das stimmt wohl alles zweifelsfrei. Es macht aber doch sofort auch einen abschreckenden Eindruck einer konservativen Gesellschaft, wo einem, vor allem als Ausländer, irgendwo unvorhersehbare Probleme auflauern. Aber – ist es in Deutschland nicht genauso?

Ich glaube, wer sich vor dem „Kulturschock“ fürchtet, der schaut zu stark auf die Eigenheiten des Landes und die Unterschiede zur Heimat. Klar, ein paar Ungewohneiten und fremde Sitten gibt es natürlich, außerdem die schlechte Infrastruktur und die Unhygiene – wäre ja aber komisch, wenn alles wie gewohnt wäre.

Zurück in meiner Heimat wurde ich natürlich gebeten, mal etwas von der Mongolei zu erzählen.
Zu meiner vorhergesehenen Enttäuschung aber redeten die Leute ihrerseits doch nur lachend über „Pferde“ und „Zelte“ und „Volksmusik“ und die eisige „Kälte“, kurz, „wie da doch nichts ist“. Stimmt mit meinem jetzigen Bild aber überhaut nicht überein.

Ich kann von daher nur raten und empfehlen, selber einmal ins Ausland zu fahren, um sich ein eigenes Bild davon zu machen.

Es wird sich lohnen!



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